Freitag, 2. Mai 2014

Wie ich über die Badische Weinstraße schrieb




Mein Redakteur will von mir immer etwas besonderes: Ein Text wie ein Gedicht, wie ein Lied, wie ein Traum. Wenn es um Informationen geht, dann nur um die der Insider.
Ja gut, dachte ich mir und habe ihm ein Thema vorgeschlagen: die 60 Jahre alte Badische Straße, eine schöne Gegend, guter Wein, viele Geheimtipps von den Insidern, wie er es mag. 
Na ja, Wein! Da hatte er Bedenken wegen des Alkoholwerbeverbots in Russland. Aber, gut, dennoch sollte ich fahren und schreiben, es würde schon irgendwie werden...

So konnte ich es nicht lassen. Erstens, ich wohne in Deutschland, hier gewöhnt man sich schnell daran, immer genau hinzuschauen, genaue Fragen zu stellen und danach genaue Antworten zu finden. Zweitens, es ist auch eine Art von Berufskrankheit. Drittens, zwei von meinen Freundinnen sind Juristinnen, da guckt man sich manches ab.

Ich habe gegoogelt, überall gesucht und nicht nur den Text des Gesetzes gefunden, sondern auch ein paar Interpretationen und Deutungen.

Zuerst das Gesetz:

Das Föderale Gesetz „Über Werbung“. Teil 3. Artikel 21. Paragraf 2. Absatz 2:
„Die Werbung der Getränke, dessen Alkoholgehalt höher als 5 % ist, in Printmedien grundsätzlich verboten“.

Schreibe ich zwar eine Werbung? Könnte meine Geschichte als Schleichwerbung definiert werden? Beide Fragen blieben offen, ich fand keine Definition für die „Werbung“.

Okay, ich suchte weiter.
In einer Interpretation des Gesetzes stand: man darf über die Traditionen und Sitten eines fremden Landes berichten; man darf auch über die Neuigkeiten aus der Wein-Welt oder Bier-Welt berichten, ganz fromm aber, ohne große Faszination; man darf sogar (!) in einem Rezept solche unmoralischen Zeilen wie „100 ml Weißwein“ oder „1 EL Whisky“ lassen.

Ich las nicht nur die Zeilen, ich las sogar dazwischen. Ich dachte nach.
Und dann entwarf ich ein Konzept für meinen Artikel:

„Schön, ich werde keine Marken, keine Firmennamen verraten, ich werde nur die Orte erwähnen, wo diese „verbotenen Schätze“ produziert werden.
Gut, ich werde keine Bilder von Etiketten der Flaschen, an denen der Produzent erkannt werden könnte, schießen. Ich werde nur die Weinberge und  die Winzer fotografieren.
Einverstanden, ich werde nicht um Weingenuss werben, ich werde nur eine Story über das schöne Land erzählen.

Ich schrieb einen Artikel über die russische Edelgesellschaft, die sich im 19. Jahrhundert in Baden-Baden und der Umgebung amüsierte. Über die russischen Fürsten, die ihren Reichtum gern zur Schau stellten. Über die russischen Damen, die mit Kleidern und ihrem Schmuck protzen. Über die russischen Schriftsteller, Dichter und Diplomaten.
Ich schrieb über die neue Vornehmheit der Moderne. Über die Langsamkeit. Über das „slow travel, slow food, slow vine“.

Ende April war mein Text fertig. Die Fotos waren bearbeitet. Die Namen aller badischen Rebsorten und Arten des Weins wurden fachgerecht übersetzt, eher transliteriert (Ich konsultierte eine Weinexpertin aus Moskau). Und alles wurde an die Redaktion weitergegeben.

Und dann kam die große Überraschung.

Man darf das Wort „Wein“ im Text nicht verwenden.

-        Aber das steht doch nicht im Gesetz?
-        Verstehst du nicht, die haben einfach Angst vor allem.
-        Was wirst du denn tun?
-        Vielleicht, das „verbotene“ Wort entfernen und den Namen „Badische Weinstrasse“ unübersetzt lassen?

Es wäre absurd, ein Text über den Wein zu publizieren ohne das Wort „Wein“ zu benutzen.

Diese Einstellung bedeutet, dass die Angst, die alte Angst noch am Leben ist. Das bedeutet, dass die Leute es noch nicht verlernt haben, zwischen den Zeilen des Gesetzes zu lesen und alles so zu interpretieren, wie es von Gesetzgebern missbraucht werden könnte.

Eine Bekannte von mir konnte diese Situation nur so darstellen:
Zuerst wird einem gesagt:
-        Warum sitzest du in der Mitte von Sofa? Rutsch zu Seite!
-        Warum nimmst du hier so viel Platz ein? Du kannst ganz gut auf einer Armlehne sitzen.
-        Wie wäre es, wenn du es dir auf dem Boden bequem machst?

Und manche sind schon nach der ersten Frage bereit, sich einen Platz auf dem Boden zu sichern.

Ich warte nun auf eine Entscheidung, diese soll am 7. Mai getroffen werden. In der Zeit suche ich nach einer Alternative, wo ich meinen fast „euphemistischen“ Artikel über die Badische Weinstraße veröffentlichen kann.

2 Kommentare:

  1. Na ja, immerhin habe ich die schönen photos angeschaut! Das ist schon euphemistisch genug!

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  2. hast du keine Kommentare zu Fotos gelesen? Das war schon direkt :)

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